Mersher im Hotelfoyer

Die Flügeltüren des Schlosses öffnen sich knarrend, als Mersher die altehrwürdige Empfangshalle von Oddwood Manor betritt.  Die Rezeption auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes ruft ihm die lästigen Anmeldeformalitäten ins Gedächtnis, lustlos schickt er sich an, den Raum zu durchqueren. Seine Gestalt spiegelt sich in den polierten Harnischen antiker Rüstungen, die Reflektionen geben ihm ein stummes Geleit.

Hinter ihm fällt die schwere Tür ins Schloss, der Luftzug stimmt im Kronleuchter einen klirrenden Gruß an – Mershers Laune bessert sich zusehends. Im Überschwang betätigt er die Portiersklingel ein wenig zu beherzt, unter lautem Klingen löst sich eine Feder und springt in eine entfernte Ecke des Raumes. Diesen Faupax zunächst ignorierend, wartet Mersher auf den Portier, der allerdings auch nach längerer Wartezeit nicht erscheinen will. Unter den vorwurfsvollen Blicken der Jagdtrophäen überkommt ihn ein jähes Unbehagen – er weiß, dass nichts geschehen wird, solange er das Missgeschick nicht aus der Welt geschafft hat.

Eilig durchmisst er den Saal, seine Spiegelbilder halten Schritt. Doch er kommt zu spät, das Bauteil ist bereits im dichten Flor des Teppichs versunken. Auf den Knien rutschend wühlt er sich durch das Labyrinth der Ornamente, eine auffällige Musterung führt ihn ans Ende des Läufers. Als er aufschaut, findet er sich zu Füßen einer alten Standuhr wieder, deren Haupt sich in der Höhe des Raumes zu verlieren scheint. Das Zifferblatt erregt Mershers Aufmerksamkeit: es ist doch noch gar nicht halb fünf! Vorsichtig öffnet er die Frontscheibe, vorsichtig dreht er die Zeiger um einige Stunden zurück.

Während er noch von der Mechanik eingenommen ist, belebt sich das Foyer hinter ihm auf merkwürdige Art und Weise: aus den Tiefen des Teppichs erhebt sich das gesuchte Metallteil, mit einem gewaltigen Satz verschwindet es in der Glocke des Portiers – zu hören ist jedoch nichts. Schemenhafte Figuren treten auf: ein Dienstmädchen mit Schürze und Staubwedel, ein Ober mit Tablett; schließlich betritt der Portier – rückwärtsgehend – durch eine Tür hinter der Theke den Saal und nimmt seine Position am Empfang ein. Geräuschvolles Räuspern. „Wie kann ich ihnen behilflich sein, Sir?“, schnarrt es vom anderen Ende des Raumes. Mersher fährt herum – die vormals glänzenden Rüstungen sind staubbedeckt, er steht dem Portier allein gegenüber.

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