Steamhorse Productions

Hey Harold,

Dein Brief hat mich glücklicherweise erreicht. Samantha sagt, ein total irrer Typ, der sie mit seinem Bart und seiner Mütze an ihren Großvater aus Deutschland erinnerte, hat ihn in ihrem Loft zugestellt. Sie war völlig durcheinander. Sie behauptete, er habe plötzlich mitten in ihrer Küche vor ihr gestanden und ihr mit einem Lächeln den Brief ausgehändigt. So plötzlich wie er erschienen ist, sei er dann auch wieder verschwunden – allerdings durch die Abzugshaube über dem Herd. Naja, keine Ahnung, was ich von der Geschichte halten soll. Samantha ist seit dem Dreh für „JAWS vs Psycho“ völlig neben der Spur. Ich meine, sie versetze sich zu sehr in ihre Rollen hinein. Das macht sie noch ganz nervös. Jedenfalls bin ich froh, trotz der widrigen Umstände von dir zu lesen.

Ich selber habe alle Hände voll zu tun. Auf einer Cocktailparty bin ich über Samanthas Produzenten mit dem Regisseur Smut Kashinsky bekannt gemacht worden. Ihm gehört eine kleine Firma namens Steamhorse Productions, die sich auf „galante Kurzfilme“ spezialisiert hat. Kaum dass er sich mir vorgestellt hatte, bot er mir auch schon an, Soundtracks für seine Filme zu schreiben. Ich habe natürlich die Gelegenheit ergriffen und sofort zugesagt.

Die Storyboards zu Kashinskys Filmen sind betont minimalistisch gehalten – er selber bevorzugt allerdings das Wort „existentialistisch“. Die Hauptcharaktere sind immer junge Herren der gehobenen Gesellschaft, die in plötzlicher Liebe zu Handwerkern oder Handlungsreisenden entbrennen. Die Kulissen dazu bilden üppig ausgestattete Villen und Swimmingpools, aber auch Werkstätten, Tankstellen und dunkle Hinterhöfe. Das ganze sei nicht ohne politischen Zündstoff im puritanischen Amerika, wie Kashinsky nicht müde wird mir zu erklären. Nun, davon habe ich keine Ahnung. Du weißt: aus der Politik halte ich mich heraus.

Eines Nachmittags hat er mich eingeladen, mit ihm die Dreharbeiten zu besuchen. Ich war jedoch gezwungen abzulehnen, da ich noch kurzfristig einen Saxophonisten engagieren wollte; er sollte eine gewisse sinnliche Note in die Musik bringen. „Vielleicht ein anderes Mal“, vertröstete ich meinen neuen Gönner, der nun sichtlich enttäuscht wirkte. Die nächsten Tage habe ich meine Zeit damit verbracht, einige eher dezent groovende Melodien zu schreiben und habe sie schließlich Kashinsky vorgespielt. Er hat mir dabei entweder nur zugenickt oder mich etwas befremdlich von der Seite angeschaut, aber nie ernsthaft Einwände erhoben. Ich habe den Eindruck, dass die Musik ihn nicht wirklich interessiert. Aber dafür bezahlt er gutes Geld. Ich habe also freie Hand.

Zwei der besten Tunes habe ich gleich unter den Werktiteln der Filme auf unsere Seite gestellt. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, sie zu übersetzen. Dafür hatte ich auch nicht die Zeit, denn Kashinsky produziert in der Woche eine halbes Dutzend dieser Sreifen. Und so bin ich gezwungen, mich allein durch den Klang ihrer Titel inspirieren lassen…

Steamhorse Productions present „Suburbian Slackers“

Steamhorse Productions present „Twinks of the 80´s“

Ich hoffe, du kommst bald nach LA. Hier winken Geld und Ruhm. Vielleicht genug, um endlich unsere Schulden zu begleichen,

Alex

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